Gelb, Grün, Orange, Blau oder noch Rot…

Wer schon Laloux „Reinventing Organizations“ gelesen hat, hat auch von Farben gelesen – Infrarot, Magenta, Rot, Bernstein, Orange, Grün, Petrol. Wer ihn noch nicht gelesen hat – es geht bei diesen Farben um ein Modell für die Stufen des Bewusstseins der Menschen und der damit zusammenhängenden Art sich zu organisieren.

Klingt mystisch, oder? – Verschiedenste Menschen haben sich dieser Frage in den letzten Jahrzehnten aus unterschiedlichen Perspektiven genähert – Historiker, Philosophen, Psychologen, Neurowissenschaftler; Namen wie Graves, Wilbur, Kegan, Kohlberg u.a.m.

Einfach gesprochen: es geht darum besser zu verstehen, mit welchem Bewusstsein die Menschheit sich in den letzten 100.000 Jahren entwickelt hat, und welche Stufen jeder einzelne Mensch in seiner Entwicklung durchlaufen muss. Und welche Verhaltensweisen daraus im Miteinander entstehen – d.h. auch in Organisationen. Spannende Sichtweisen für jeden in seinem eigenen Leben und in der Rolle als Führungsverantwortlicher. Daher kann ich nur jeden auffordern, entweder mal Laloux dazu zu lesen (viele Beispiele, gut lesbar) oder sich sogar vertieft damit auseinander zu setzen.

Ein Buch, was ich zur Vertiefung gelesen habe, ist das Buch „Spiral Dynamics“ von Beck/Cowan – Erstveröffentlichung immerhin schon vor 20 Jahren, 1996. Sie nutzen einen teilweise anderen Farbcode als Laloux, aber das ist nicht relevant. Ihr Modell baut auf den intensiven Untersuchungen von Clare Graves auf, einem Psychologen und Begründer der Ebenentheorie der Persönlichkeitsentwicklung. Es ist auch gut lesbar, aber man muss es schon „wollen“ mit seinen über 500 Seiten.

Da ich die Perspektiven dieses Modells für meine Sicht auf mich selbst und für die Sicht auf Führung und Zusammenarbeit wirklich spannend finde, hier ein Versuch, es ganz kurz zu beschreiben:

Beck/Cowan sprechen von verschiedenen Ebenen, die sich „spiralförmig dynamisch“ bewegen (siehe auch Bilder dazu). Eine Ebene entwickelt sich, hat eine Blütezeit, aber hat auch schwierige Elemente – und aus denen entsteht dann die Energie für den Sprung in die nächste Ebene. Sie wechseln sich ab zwischen Ebenen mit Ich-Bezug und Wir-Bezug. Das Modell hat bisher 8 Ebenen, ist aber nach „oben offen“, da man davon ausgeht, dass noch einiges kommt, was wir heute nicht kennen. Die Ebenen (1-6) sehen sich jeweils als die einzig richtige an. Ab Ebene 7 entsteht eine integrale Sicht, d.h. die anderen Ebenen werden als dynamische Kräfte gesehen, die, wenn sie gesund sind, zur Lebensfähigkeit der gesamten Spirale / des Lebens beitragen.

Die einzelnen Ebenen in kurzen Stichworten (Zusammenstellung aus dem Buch):

(1) BEIGE – die instinktive Ebene / Ich-Bezug / vor 100.000 Jahren

  • Befriedigung grundsätzlicher Bedürfnisse / Überleben / Instinkte
  • Urmensch, von dem leben, was die Natur bietet, kaum Kontrolle der Umwelt
  • beim Mensch: Säuglingsalter / Demenz (schlafen, essen)
  • ca. 0.1% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: INFRAROT

(2) PURPUR – die Clan-Ebene / Wir-Bezug / vor 50.000 Jahren

  • Bindungen mit anderen, damit das Leben (mehr als bei Beige) Bestand hat, Familie / Clans / Stämme
  • Harmonie mit den Mächten der Natur, Rituale, Geisterwesen
  • beim Mensch: Anfang der Kindheit
  • für Führung: Menschen sind mit ihrer Gruppe „verheiratet“, Vetternwirtschaft normal
  • ca. 10% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: MAGENTA

(3) ROT – die egozentrische Ebene / Ich-Bezug / vor 10.000 Jahren

  • Macht, Kampf ohne Reue und Schuldgefühle, um die Zwänge abzuschütteln (weg von Purpur)
  • Unmittelbar Gefühlen und Impulsen folgen
  • beim Mensch: zwischen 3-5 Jahren / dann wieder rote Phasen in der Pubertät
  • für Führung: Menschen müssen von einer starken Führung beherrscht werden, die sie belohnt; Grundbedürfnisse müssen regelmässig befriedigt werden
  • ca. 20% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: auch ROT

(4) BLAU – die Sinn betonende Ebene / Wir-Bezug / vor 5.000 Jahren

  • Ordnung und Stabilität, rechtschaffendes Leben, um die Nachteile egozentrischer Macht (weg von rot) auszugleichen
  • Jeder hat seinen Platz im Leben durch einen göttlichen Plan
  • beim Menschen: tastendes Experimentieren als Kind, was ist gut-schlecht / gerecht-ungerecht
  • für Führung: Menschen arbeiten am besten, wenn ihnen gesagt wird, wie sie etwas richtig machen; wenn man was falsch macht, ist Bestrafung sinnvoll
  • ca. 40% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: BERNSTEIN

(5) ORANGE – die strategische Ebene / Ich-Bezug / vor 650 Jahren

  • Autonomie, Unabhängigkeit (weg von Blau), Suche des süssen Lebens und materiellem Überfluss
  • Verbesserung des Lebens vieler durch Wissenschaft und Technik
  • beim Menschen: Selbständigkeit, man will es ganz und jetzt
  • für Führung: Motivierung durch materielle Belohnung, Wettbewerb verbessert Produktivität und begünstigt persönliches Wachstum
  • ca. 30% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: auch ORANGE

(6) GRÜN – die relativistische Ebene / Wir-Bezug / vor 150 Jahren

  • Gemeinschafts- und Zusammengehörigkeitsgefühle, Entscheidungen durch Konsens (weg vom Egoismus von Orange)
  • Befreiung von Gier und Dogmen, Stärkung von Spiritualität und Harmonie
  • beim Menschen: Löst die Probleme von Isolation und Einsamkeit
  • für Führung: Menschen möchten gut miteinander auskommen und anerkannt werden, etwas miteinander zu teilen ist besser als zu konkurrenzieren
  • ca. 10% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: auch GRÜN

(7) GELB – die systemische Ebene / Ich-Bezug / vor 60 Jahren

  • Persönliche Freiheit (wieder rauslösen aus zu viel Grün), ohne andere zu schädigen oder das Eigeninteresse zu übertreiben
  • Paradoxa und Unsicherheit wird toleriert, alle bisherigen Ebenen (1-6) werden als legitim erkannt und dienen der Lebensfähigkeit der gesamten Spirale – wenn sie gesund sind
  • beim Menschen: erkennen Unterschiede in den Wertesystemen an, wertschätzen, dass die Menschen auf ihrem Entwicklungsweg jede Ebene durchgehen müssen
  • für Führung: Menschen geniessen es, das zu tun, was ihrem Wesen entspricht; sie brauchen freien Zugriff auf Informationen und Materialien
  • ca. 1% der Weltbevölkerung
  • bei Laloux: fängt hier PETROL (TEAL) an

(8) TÜRKIS – die holistische Ebene / Wir-Bezug / vor 40 Jahren…noch ganz am Anfang

  • globale Arbeit in Netzwerken als Routine, starkes Kollektiv aus Individuen
  • Arbeit muss bedeutsam für die Gesundheit allen Lebens sein; minimalistische Lebensführung, so dass weniger tatsächlich mehr ist
  • das Selbst ist Teil eines grösseren, bewussten, spirituellen Ganzen, das auch dem Selbst dient
  • ca. 0.1% der Weltbevölkerung

Wenn ich in mich selber reinhorche, habe ich natürlich ganz viele Farben in mir, die mich geprägt haben, die Licht und Schatten werfen. Gelb wäre ich natürlich gerne mal durch und durch – und türkis kommt dann ganz von allein :-)….

Vielleicht hat es bei euch Lust geweckt, sich damit auch zu beschäftigen?!

Euch eine schöne Pfingstwoche – lieben Gruss Martina

 

2 Kommentare zu „Gelb, Grün, Orange, Blau oder noch Rot…

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