Was wollen wir wollen?

Mit dieser Frage endet das Buch „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von Yuval Noah Harari, einem israelischen Professor der Geschichte. Es kam schon 2011 in EN, 2013 in DE heraus, war Spiegel-Bestseller – und vor einer Woche fiel es mir erst in die Hände.

Ich kann es nur jedem ans Herz legen. – Warum? Es zeigt in sehr gut lesbarer Weise auf, was unsere Spezies, der Homo Sapiens, so seit 200.000 Jahren erlebt, gelernt, gestaltet und angestellt (oder auch verbrochen) hat und was unsere aktuellen Kernfragen sind oder sein sollten. Es bietet ein breites Basiswissen über uns an, nicht alles neu, aber in dieser Dichte und Sprache für mich faszinierend. Und es ist eine wunderbare Ergänzung zu meinem vorletzten Blog, zu Spiral Dynamics – es gibt Hintergründe zu den Entwicklungsstufen. Auch hier wieder 500 Seiten, aber viel spannender zu lesen.

Worum geht es in Kürze? Es beschreibt die bislang drei Revolutionen, die der Homo Sapiens durchlaufen hat und welche Konsequenzen dieses für uns und unsere Umwelt hatte (und weiter hat).

Die kognitive Revolution (Ebene beige/purpur) – diese begann ungefähr vor 70.000 und endete ca. vor 30.000 Jahren . Hier begann unsere Sprache einen Quantensprung zu machen. Sie wurde extrem flexibel, wir nutzen sie mehr und mehr zu Pflege unserer Beziehungen („Klatsch & Tratsch“) und damit zur Bildung von Kooperationen zwischen Menschen. Und am relevantesten: wir begannen uns über Dinge auszutauschen, die es gar nicht gibt, wir entwickelten eine fiktive Sprache. Mythen entstanden und wurden geteilt, gaben Rahmen. (Heute nennen wir das in Unternehmen Vision, Leitbild.) Durch „Klatsch & Tratsch“ kann man persönliche Bindungen bilden, die ca. 150 Menschen zusammenhalten – durch fiktive Geschichten, Mythen endlos viel mehr! Unser ganzes Gesellschaftssystem, Kapitalismus, Religionen besteht aus fiktiven Geschichten – sie existieren nur, weil wir uns das als Realität vorstellen.

Nach dieser kognitiven Revolution waren wir Menschen in der Lage, uns über unsere biologischen Fähigkeiten hinaus schnell auf neue Bedürfnisse einzustellen – wir mussten nur neue Mythen erfinden. In dieser Zeit der Revolution waren wir „Jäger & Sammler“, sog. Wildbeuter, breiteten uns zunehmend über alle Kontinente aus und stellten uns an die Spitze der Nahrungskette, rotteten zwar (massiv) viele Gross- und Klein-Säugetiere aus, brandrodeten, aber lebten ansonsten (im Verhältnis zu heute) ziemlich im Einklang mit der Natur (soweit man das weiss…). Es gab bei den „Jägern & Sammlern“ keine feste Grenze zwischen Menschen und anderen Wesen, es gab auch keine Hierarchie. In dieser Zeit hat sich unsere Psyche geprägt.

Die landwirtschaftliche Revolution (Ebene rot/blau) startete vor 12.000 Jahren. Sie scheint der Beginn unseres „Niedergangs“ als Mensch gewesen zu sein. Wir wurden „Landwirte & Hirten“, hatten zwar stabiler mehr zu essen und wurden explosionsartig mehr, lebten aber zunehmend beengter, ernährten uns immer einseitiger, arbeiteten viel mehr und waren kränker. Wir fingen an, unsere Nase in die Privatangelegenheiten anderer Tiere zu stecken – wir züchteten, nutzen Tiere (aus) für unsere Arbeit und unsere Ernährung. Und das machen wir auch heute. Imperien, wie Rom und die grossen Religionen, wie Islam, Christentum, Buddhismus, entstanden, viele kleine Kulturen verschmelzten durch Eroberung zu wenigen grösseren.

Schrift und Zahlen entstanden in dieser Zeit sowie Bürokratie, Hierarchien und Kästchendenken aufgrund immer grösserer Imperien. Die eigenen 4 Wände, die räumliche Trennung von den Nachbarn wurden immer wichtiger – und das hatte auch seine psychische Konsequenzen, wir wurden engstirniger. Unser durchschnittliches Hirn ist seit Beginn dieser Revolution geschrumpft.

Die wissenschaftliche Revolution (Ebene orange ff.) begann vor 500 Jahren und ist noch im Gange. Diese Entwicklung war so rasant und so umfassend wie keine andere. 1500 lebten 500 Mio. Menschen auf der Erde, heute 7 Mrd. – 14 mal so viele Menschen produzieren 240 mal so viel und verbrauchen dabei 115 mal so viel Energie wie vor 500 Jahren.

Diese Revolution war keine Revolution des Wissens sondern vor allem eine Revolution der Unwissenheit. Vor dieser Revolution glaubte kaum jemand an Fortschritt, die meisten Kulturen dachten, das Goldene Zeitalter liege in der Vergangenheit und die Welt befinde sich auf dem absteigenden Ast. Der Glaube an die übergeordneten Mächte, die alles wissen, zerfiel aber zunehmend. Das Buch beschreibt hier viele historische und aktuelle Geschehnisse, die ihr kennt – spannend zu lesen, zu viel, um es zusammen zu fassen.

Wo stehen wir heute? Die die letzten vier Milliarden Jahre währende Herrschaft der natürlichen Auslese – bis auf die Zucht von Tieren – steht der Herausforderung gegenüber, dass in Laboratorien neue Lebewesen erfunden werden – sei es durch Biotechnik, durch Cyborgtechnik (Mischung aus organischen / nicht-organischen Teilen) oder auch durch Entwicklung von nicht-organischem Leben (durch genetische Programmierung). Wir entwickeln immer neue Fähigkeiten, mit denen wir nicht nur unsere Umwelt, sondern auch unsere Innenwelt verändern können.

Unter der Perspektive, ob langsam das Ende des Homo Sapiens erreicht ist, fordert der Autor, dass wir uns immer mehr die Frage stellen müssen: „Was wollen wir werden?“ – oder eben „Was wollen wir wollen?“.

Wie gesagt: mich hat das Buch fasziniert (durch sein dichtes Wissen) und berührt (durch seine Ein-Sichten in unsere Entwicklung als Mensch). Es sei euch noch einmal ans Herz gelegt. Und gerne freu ich mich über eure Rückmeldungen, wie es euch gefallen hat auf diesem Blog.

Euch eine schöne Woche! Lieben Gruss – Martina

P.S. Wenn ihr es kaufen wollt, bestellt es doch einfach mal bei buch7.de – sie liefern auch in die Schweiz und haben ein begrüssenswertes Geschäftsmodell.

P.P.S. Übrigens war im Magazin „Du“ in der Ausgabe „Zukunft“ von 02/2016 auch ein Interview mit Harari.

6 Kommentare zu „Was wollen wir wollen?

  1. Was wollen wir wollen?
    Eine elementare Frage, deren Lösungsansatz in der Akzeptanz der eigenen Persönlichkeit und der Liebe zu sich selbst zu finden ist. Denn nur dadurch bin ich fähig, auch andere zu akzeptieren und / oder zu lieben, ohne sie zwanghaft der eigenen Persönlichkeitsstruktur und damit meinem Lebens- und Führungsverhaltens anpassen zu müssen. Das gilt meines Erachtens nicht „nur“ im Bereich Führung, sondern insbesondere auch in Partner- oder Freundschaften. Diese Erkenntnis ersetzt die zig Seminare und Selbstfindungskurse, denn auf diesen Fluchten nimmt man sich, ohne es zu merken, immer selber mit. Selbst bei „Schweigen und Fasten im Himallaya“ hast Du Dich im Rucksack dabei.
    Führung muss wieder menschlich werden. Ist sie auch in weiten Teilen schon. Dazu gehört auch die Abschaffung, entschuldigt bitte, diskriminierender Bergriffe wie „HR“. Wenn wir begreifen, dass das, was wir wollen wollen, dasselbe ist, was unsere Mit-Arbeiter und Mit-Menschen wollen wollen, dann sind wir einer harmonischen und schönen Welt ein Stück näher. Fragt doch einfach mal: „Was willst Du? Was kann und darf ich für Dich tun? Was können wir verändern? Was macht Dich glücklich?

    Liebe Grüße von der Nordsee,

    Peter

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