Haben wir unseren Anstand verloren? – Teil 3

Hier nun der Abschluss zum Buch von Sprenger „Das anständige Unternehmen“.

Prinzip 5 „Bezeichne nichts als alternativlos“

Führung ist immer Führung im Dilemma – stets gibt es Konflikte zwischen verschiedenen berechtigten Werten oder Zielen. Ohne diese bräuchten wir keine Führung…  Jede Entscheidung schliesst etwas ein und etwas aus. Und dieser Ausschluss erzeugt Widerstand bei denjenigen, die diese andere Seite bevorzugt hätten. Oft wird in Unternehmen viel dafür getan, das Entschiedene zu verkaufen und das Ausgeschlossene zu verschweigen. Nach Sprenger handelt ein Unternehmen anständig, was auch klar darstellt, wer die Verlierer sind aus einer Entscheidung – niemals ist etwas alternativlos, und das sollte benannt werden.

Woran macht er dieses Prinzip deutlich?

  • Das Wort WERTSCHÄTZUNG ist heute überall zu finden. Sind wir so wenig gewertschätzt, dass wir es dauernd in seiner Bedeutung betonen müssen? Oder ist es eine reine Worthülse? – Schätzen wir nicht eh den Wert von Mitarbeitenden dauernd ein  – durch ihren Lohn, die Beurteilung ihrer Leistung? Kann es bedingungslose Wertschätzung in Unternehmen geben? Die Menschenwürde ist als Wert bedingungslos. – Wird der Begriff der Wertschätzung nicht oft verwechselt mit Schonung, Kritiklosigkeit, Umgehung von Konsequenzen? Braucht es nicht gerade eine bessere Auseinandersetzung in Unternehmen über die Passung auf die jeweilige Aufgabe, die Klarheit in der Sache? Wertschätzung verstanden als anständiger Umgang miteinander, als konstruktives Aufeinanderzugehen, als Höflichkeit -ja. Als Weichspüler, als bedingungslose Forderung – nein.
  • In einigen Unternehmen wird zunehmend FORMLOSIGKEIT gefordert – keine Titel, alle per Du (er erwähnt auch die Swisscom), weniger Hierarchien. Aus seiner Sicht nimmt das Menschen den Anreiz sich für Titel anzustrengen und hinterfragt, ob Gesellschaften sich das leisten können. Und das verordnete Du würde die Dynamik der sozialen Annäherung opfern – erst Grenzen sichern die Beweglichkeit, ermöglichen Distanz oder den Schritt zur Nähe. Die flacheren Hierarchien und Teams ohne expliziten Chef fordern im Untergrund Rangkämpfe, fordern die informelle Ebene, lassen Karrieren verschwommener werden.
  • Birgt die zunehmende Tendenz, insb. ENGLISCH als Unternehmenssprache zu setzen und auch dann zu nutzen, wenn die Mehrheit der Mitarbeitenden deutsch als Muttersprache hat, nicht zu viele Risiken? Verändert Sprache nicht auch das Denken? Grenzt es Menschen aus, die nur bedingt sicher sind in dieser Sprache? Und nicht auch das Handeln? Nach Untersuchungen sind Menschen teilnahmsloser und risikofreudiger, wenn sie in einer Fremdsprache denken. Manchmal lässt es sich vermeiden – ab wo möglich sollten Menschen anständig in ihrer Muttersprache arbeiten können.
  • Wie lautet eigentlich das Problem, für das Programme zur FRAUENFÖRDERUNG die (ethische oder auch nur betriebswirtschaftliche) Lösung sind? Es geht Sprenger nicht darum, dass Frauen nicht stärker in Positionen kommen. Sondern es geht um eine kritische Sicht auf Massnahmen, durch die über (möglichst noch incentivierte) Quoten, Arroganztrainings und vielerlei andere Massnahmen, die aus seiner Sicht nicht anständig sind, Frauen eher diskriminiert werden. Aus Sicht von Sprenger gibt es verschiedene Mythen nicht: es gäbe keine „Glasdecke“ für Frauen, noch seien Frauen die erfolgreicheren Führungskräfte, noch sei es ökonomisch notwendig Frauen zu fördern. Und ausserdem würden dadurch Frauen doppelt diskriminiert, da ihnen abgesprochen wird, sich um ihre Belange selber kümmern zu können. – Ich kann ihm in weiten Teilen zustimmen.
  • Verlieren wir durch zu viel TRANSPARENZ nicht Würde, Anstand und Vertrauen? Wie das Wort Wertschätzung wird dieses Wort oft breit und unüberlegt gefordert. Kritisch zu sehen sind zunehmend reale Formen von möglicher Überwachung, die Übernahme von Steuerung von Menschen durch Maschinen, verbunden mit der Sicht auf Menschen als Risikofaktoren. Fundamental wichtiges Vertrauen in Unternehmen wird durch Transparenz eher zu Misstrauen gewandelt, Parallelwelten entstehen, um die im System geforderte Transparenz zu „bedienen“.

Das waren nun die 5 Prinzipien. Zusammenfassend für mich: ich finde diese Arbeit von Sprenger sehr „nachdenkenswürdig“. Ich glaube, wir haben in Organisationen vieles mit guten Intentionen geschaffen, das im Einzelnen und in Summe Menschen manchmal in eine Scheinwelt bringen. Eine Scheinwelt, welche sie in ihrem „sonstigen Leben“ verwundert, kopfschüttelnd betrachten oder sich an den Vorteilen dieser persönlich bedienen.

Im Teil III des Buches geht Sprenger auf diesen Zusammenhang ein: wie Menschen in Organisationen behandelt werden prägt stark, wie sie ihr Leben führen – die in den Prinzipien dargelegten Erfahrungen der Distanzlosigkeit, der Vereinnahmung, der Infantilisierung, der Therapeutisierung. Auch wenn sie mit Menschenfreundlichkeit und Vernunft ummantelt werden. Er geht soweit, dass er sagt, dass der Kern des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ durch Unternehmen täglich angetastet wird. Explizit sprechen Unternehmen davon, dass Mitarbeitende unternehmerisch handeln sollen – implizit prägen sie oft das Gegenteil, fordern sie Konformität. – Er unterstellt nicht, dass Unternehmen das bewusst machen. Er fordert „Anstand durch Abstand“, sich „auseinander – zu – setzen“, zuzulassen nicht der Norm zu entsprechen, nicht standardisiert zu sein. Der Mensch würde heute gleichsam „ganzheitlich“ von der Arbeitswelt vereinnahmt: die Totalinklusion von Hand, Herz und Hirn.

Er stellt sein dem Buch grundlegendes Menschenbild vor: der Mitarbeitende als Gegenüber auf Augenhöhe, als Erwachsener mit Entscheidungsfähigkeit, als Individuum wie er ist, als vertrauenswürdiger Mensch und als Wählender, dem man Mehrdeutigkeit zumuten kann. Und zur Näherung zu diesem Menschenbild müssen Unternehmen was tun – nämlich mehr lassen. Ob es ein besseres Neues gibt, das an Stelle des Gelassenen treten muss? Das wissen wir (noch) nicht, das werden wir lernen durch Experimentieren. Und dabei sollten wir immer überlegen, was dem Kunden dient.

Sein Schlusssatz sei auch meiner: „Es gibt Führungskräfte, die sind raumfüllend, und andere, die sind raumöffnend. Gerade die letzteren brauchen wir. Sie werden alles in ihrer Macht Stehende unterlassen.

Euch einen guten Start ins Wochenende – lieben Gruss Martina

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