Blick in die Zukunft – Homo Deus – Teil 1

Gerade ist das 2. Buch von Harari auf deutsch herausgekommen – es heisst „Homo Deus„. In dem 1. Buch, der „Kurzen Geschichte der Menschheit“, schaute er in unsere Vergangenheit und endete mit einem Ausblick in die Zukunft (siehe auch meinen Beitrag „Was wollen wir wollen“ dazu vom Mai 2016). Nun führt er diese Gedanken mit dieser Geschichte von Morgen weiter. Mich hat das Buch sehr berührt (wie auch schon das vorherige), möchte es daher gerne mit euch teilen.

In den ersten Seiten erörtert Harari, wie die Menschheit im 21. Jahrhundert anscheinend nach drei Themen strebt:

  • nach Unsterblichkeit (mit all den Forschungen im Gesundheitswesen)
  • nach dem Schlüssel nach Glück (was ja anscheinend nicht mit dem steigenden Wohlstand zu tun hat, und die Biochemie hilft zwar, aber ist es das?) und
  • nach (einer Form von) Göttlichkeit – dem „Homo Deus“, die ja irgendwie mit den beiden vorherigen zusammenhängt (diesen „upgrade“ schaut er aus der Perspektive von Biotechnologie, Cyborg-Technologie und der Erzeugung von nicht-organischen Lebewesen an).

Macht das Angst? Braucht es eine Bremse? Gefühlt irgendwie schon, aber die gibt es ja nicht. Diskussionen dazu können unsere Entwicklung lenken… Im Buch geht er in drei Teilen tiefer in das Thema, welches ich nachfolgend versuche zusammenzufassen:

Teil 1: Homo Sapiens erobert die Welt

Worum geht es? – Das Verhältnis vom Homo Sapiens zu (anderen) Tieren – was sagt uns dieser Umgang mit Blick auf die Zukunft, wie sich ggfs. intelligente Cyborgs zu uns gewöhnlichen Menschen aus Fleisch und Blut verhalten könnten?

Ursprünglich (vor langer Zeit) hatten wir eine gleichberechtigte Sicht auf Tiere, die sich mit der wachsenden Domestizierung, der landwirtschaftlichen Revolution, verändert hat. Die Bedürfnisse der Tiere (…die unseren nicht so unähnlich sind..) haben sich nicht verändert, aber wir ignorieren diese weitgehend. Und das Aufkommen theistischer Religionen stärkte das Ganze, im Mittelpunkt stehen Gott und die Menschen, Tiere waren zu opfern. Auch bei den Menschen kam es zu Hierarchien, zu unterschiedlicher Wertigkeit.

Durch die wissenschaftliche Revolution vor einigen Jahrhunderten wurde neben den Tieren auch Gott zunehmend zum Schweigen gebracht – der Mensch kam vollständig in den Mittelpunkt, der Humanismus entstand. Und die Industrialisierung der Landwirtschaft entfernte uns immer mehr von den Bedürfnissen der Tiere. Erst in den letzten Jahr(zehnt)en fangen wir an, über diese nachzudenken. Liegt das vielleicht daran, dass wir uns selber zunehmend „industrialisieren“?

Harari diskutiert den Gedanken, ob unsere grössere Macht auch unsere Wertigkeit auf dieser Erde rechtfertigt. Gibt es einen menschlichen „Funken“, der uns höher stellt? Lt. der Evolutionstheorie nicht, lt. manchen Religionen schon. Zu diesem Aspekt betrachtet Harari, ob wir eine Seele oder ein Bewusstsein haben, was uns von Tieren wirklich unterscheidet – sein Fazit: im Grunde nicht. Einer der massgeblichen Unterschiede ist unsere Kooperationsfähigkeit, entstanden durch Sprache, durch Fiktion, durch die Schaffung von intersubjektiven Realitäten, von gemeinsamen Sinn oder Hirngespinsten :-).

Teil 2: Homo Sapiens gibt der Welt einen Sinn

Worum geht es? – Ein Blick auf die bizarre Welt, die der Homo Sapiens im letzten Jahrtausend geschaffen hat: wieso glauben wir an das humanistische Credo, wonach sich das Universum um die Menschheit dreht und welche wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Implikationen hat dieser Glaube?

Wenn wir die Zukunft verstehen wollen, müssen wir also die Fiktionen entschlüsseln, die der Welt einen Sinn geben. Die geschriebene Sprache hat hierbei in den vergangenen Zeiten neben ihren vielen positiven Aspekten immer wieder dazu geführt, dass (objektive) Realitäten umgeschrieben wurden und zu skurrilen Entwicklungen, zu Un-Sinn geführt haben. Immer wieder musste sich die Realität der geschriebenen Wirklichkeit beugen, z.B. bei der weit überzogenen Erfolgsmeldung von Reisproduktion in China Ende der 60er, die zu einer gewaltigen Hungersnot führte (da zu viel Reis gegen Waffen ins Ausland verkauft wurde), bei der Aufteilung Afrikas Ende des 19 Jhd. durch die Kolonialmächte, die Stammesgebiete kaum berücksichtige (und heute noch Grund für Konfliktherde ist) oder – ein ganz anderes Feld – Schulnoten, die Kinder in ihren Fähigkeiten bewerten und damit eine eigene Realität in ihrem Leben schaffen.

„Fiktionen versetzen uns in die Lage, besser zu kooperieren. Der Preis, den wir dafür zahlen, besteht darin, dass diese Fiktionen auch die Ziele unserer Zusammenarbeit bestimmen.“ – Da stellt sich die Frage, was denn wirklich zählt, was ein sinnvoller Sinn ist. Immer wieder erleben wir, dass fiktive Gerüste – wie Religionen, der Wert von Geld, Unternehmensziele, Beurteilungssysteme u.v.a.m. – unser Handeln steuern und wir nicht mehr hinterfragen, was das eigentlich mit unserem Menschsein und der Welt zu tun hat. Und wenn sich im 21. Jahrhundert durch Biotechnologie und Computeralgorithmen unser Körper, unser Gehirn und unser Geist noch mehr verändern und die Welt sich zunehmend virtuell entwickelt, müssen wir noch mehr schauen, wie wir das Ganze auseinanderhalten – wenn wir die Realität zunehmend so ummodeln, dass sie unseren Lieblingsfiktionen entspricht.

Dann betrachtet Harari, wie Wissenschaft und Religion in Zusammenhang stehen. Ist Religion (bzw. in weiterem Sinne jede Form von Ideologie) ein Instrument, um die gesellschaftliche Ordnung zu wahren und Kooperation in grossem Massstab zu organisieren? – Wissenschaft untersucht, wie die Welt funktioniert, aber es gibt keine wissenschaftliche Methode, die festlegt, wie Menschen sich verhalten sollen. In Konflikt kommen beide in den Fällen, in denen Religion Tatsachenbehauptungen formuliert. Aber: Ordnung und Macht haben beide als Ziel, deshalb können sie sich immer wieder gut arrangieren.

Die moderne Geschichte ist von der Übereinkunft von der Wissenschaft mit dem Humanismus (den humanistischen Dogmen als einer Art „Religion“/fiktiver Ordnung) zu betrachten. Löst sich dieser heutige Pakt zwischen Wissenschaft und Humanismus womöglich auf?Was zeichnet diesen Pakt heute aus?

  • Verzicht auf Sinn (alles geschieht wegen einem grösseren Plan – Verlust des Glaubens an Gott),
  • neuer Sinn (der Humanismus als „neue Religion“, die den Menschen anbetet – Gewinn des Glaubens an die Menschheit),
  • Zugewinn von Macht (wir können machen was wir wollen).

„Die moderne Kultur ist die mächtigste in der Geschichte, und sie ist unablässig damit beschäftigt, zu forschen, zu erfinden, zu entdecken und zu wachsen. Zugleich ist die stärker als jede frühere Kultur von existenzieller Angst geprägt.“ – Unsere heutige Zeit basiert weltweit auf dem Glauben, dass Wachstum unabdingbar ist (weil es vermeintlich unsere moralischen Dilemmata lösen kann) – das wurde in früheren Zeiten nicht so gesehen. Heute hat dieser Glaube des „immer mehr“ fast einen religiösen Status und wir priorisieren sehr vieles minder, was diesem entgegen spricht, z.B. soziale Gerechtigkeit, Umweltschutz oder Zeit füreinander. Kann das immer so weiter gehen? Rohstoffe und Energie sind endlich, menschliches Wissen anscheinend nicht. Was wird sich daraus entwickeln? Mehr Rohstoffe, mehr Energie? Wird das auch unsere Um-Welt, unser Oeko-System stabilisieren? Und wenn nicht, was heisst das für die Menschheit (und die Welt als Ganzes)? Wie entsteht Erkenntnis?

Was waren bzw. sind die Hauptformeln für Erkenntnis?

  • Im mittelalterlichen Europa: Wissen = Schriften x Logik – mit dem Nachteil der „Richtigkeit“ der Schriften.
  • In der wissenschaftlichen Revolution: Wissen = wissenschaftliche Daten x Mathematik – mit dem Nachteil: sie gab keine Antwort auf Fragen nach Wert und Sinn
  • Im Humanismus: Wissen = Erfahrungen x Sensibilität – mit dem Liberalismus als freiester Form, die jedem Individuum seine möglichst grosse Freiheit geben will (Blick nach Innen, auf die Einzigartigkeit meiner Person, Bedeutung von Selbstreflexion), dem sozialistischen Humanismus (Blick nach aussen, auf das was andere fühlen, Bedeutung von Kollektivinstitutionen) und dem evolutionären Humanismus (Evolutionslogik als Basis, Konflikte als der Rohstoff der natürlichen Auslese, krasseste Vertreter sind die Nationalsozialisten).

Auch zwischen diesen drei humanistischen Richtungen kam es bekannter Weise im 20. Jahrhundert zu „Religionskriegen“, die den Liberalismus zunächst ziemlich einschränkte. Zu Beginn des 21. Jahrhundert sieht es aktuell (wer weiss wie lang…) anders aus – er scheint momentan alternativlos. Er ist die Basis für das Streben nach Unsterblichkeit, Glück und Göttlichkeit – und dieses kann seine Fundamente ins Schwanken bringen, indem er neue posthumanistische Technologien entfesselt.

Zum 3. Teil des Buches schreibe ich im nächsten Beitrag – dieser ist nun schon lang genug ;-). Euch eine schöne Woche!

Lieben Gruss Martina

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